Leserbrief (an die Norddeutsche Rundschau, der leider nicht veröffentlicht wurde.)

Paulus-Oratorium am 10. 10. 2015 in St. Laurentii

 

Das alljährliche Herbstkonzert des Itzehoer Konzertchores fand am 10. Oktober 2015 in der nahezu ausverkauften St. Laurentii-Kirche statt. Auf dem Programm stand das Oratorium PAULUS von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Es war der erste Teil eines kleinen Mendelssohn-Festivals in St. Laurentii. Der zweite Teil, die Aufführung seines Oratoriums ELIAS, folgt am 22. November durch die Kantorei St. Laurentii.

Leider war es der Redaktion der Norddeutschen Rundschau zum wiederholten Mal nicht gelungen, einen fachkundigen Rezensenten für die Aufführung hochkarätiger chorsymphonischer Werke wie den PAULUS zu finden. Besonders schmerzhaft und ärgerlich für die Mitglieder des Itzehoer Konzertchores, die mit ihrem persönlichen und erheblichen zeitlichen Einsatz immer wieder Konzerte von bemerkenswert künstlerischen Qualität zur Aufführung bringen. Eine solche Situation kann man inzwischen nicht mehr mit dem Wort „schade“ abtun.

Die Norddeutsche Rundschau muss sich daher und immer wieder den unbequemen Vorwurf gefallen lassen, dass ein einziger freier Mitarbeiter mit zwar brillantem Formulierungsvermögen einerseits, aber immer wieder evident eingeschränktem musikalischem Urteilsvermögen andererseits den Informationsanspruch ihrer Leser- und Hörerschaft qualitativ ausreichend nicht abdeckt und befriedigt. Es gibt in Itzehoe genügend Ansprechpartner, die diesen Mangel mit guten Tipps beheben könnten. In den letzten etwa 15 Jahren hat die Norddeutsche Rundschau einen diesbezüglichen Kontakt mit mir leider nie aufgenommen.

Nun zur Aufführung des PAULUS, ein oratorisches Werk, dessen Aufführungshäufigkeit in den letzten zehn Jahren  kometenhaft gestiegen ist.

Ein kompetenter Musikkritiker hätte sicher so oder ähnlich berichtet: Der Itzehoer Konzertchor, verstärkt durch den Johannes Brahms Chor Hamburg und Mitglieder des Schweriner Domchores waren mit nahezu 90 Stimmen bestens vorbereitet. Der Gesamtchor überzeugte in den dramatischen Partien durch eine volltönende Stimmkraft, die keine Mühe hatte, dem stark besetzten Orchester kongenial zur Seite zu stehen. Seine dynamische Spannweite wurde besonders in den Turba-Chören, wie „Ist das nicht, der zu Jerusalem zerstörte …“ oder „Steiniget ihn …“ zur Gänze ausgeschöpft. Auch die eher lyrischen Chorpassagen („Wie lieblich sind die Boten“) wurden vom Publikum ergriffen rezipiert. Ganz besonders hervorzuheben war die aufwühlende Wirkung der Schlusschöre des ersten („O welch eine Tiefe des Reichtums“) und des zweiten Teils („Nicht aber ihm allen“)! Kleine rhythmische Ungenauigkeiten fielen dabei nicht ins Gewicht.

Die Verpflichtung der drei Solisten erwies sich als Glücksgriff! Marie Henriette Reinhold (Sopran), brillierte in ihren Partien mit metallischem Timbre, aber auch weicher Linienführung. Patrick Grahl (Tenor) verfügt über eine betörend anzuhörende und leicht geführte Stimme, die allen Anforderungen mehr als gerecht wurde. Clemens Morgenthaler (Bassbariton) wusste seine Paulus-Partie in den dramatisch aufwühlenden und den lyrisch-besinnlichen Abschnitten facettenreich zu interpretieren. Besonders überzeugend wurden die Tenor-/Bass-Duette gestaltet.

Das Wandsbeker Sinfonieorchester war in der Streichersektion mit über dreißig Musikern sehr stark, und volltönend besetzt. Die Holz- und Blechbläser mit Pauke und Orgel verwandelten das vielseitige Klangspektrum der Partitur immer wieder in farbenfrohe und facettenreiche Klänge

Eckhard Heppner leitete die Aufführung mit hohem künstlerischen Einsatz und gewohnter Präzision.

Lang anhaltender, begeisterter Beifall belohnte die Leistungen aller 140 Mitwirkenden. Christine Rudolph, eine Hörerin, äußerte sich:“ So etwas Grandioses hat es in Itzehoe wohl lange Zeit nicht gegeben. Wir haben es in vollen Zügen genossen und es wirkt immer noch nach. Danke!“

Eckhard Heppner

15. 10. 2015